Die Expertisierung der Wählerschaft

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September 16, 2016 by apaubxl

Manchmal habe ich das Gefühl, dass der lange Wahlkampf Österreich nicht spaltet, sondern sogar klüger macht. Nehmen Sie sich einmal Zeit und lesen Sie die Kommentare unter Zeitungsartikeln bzw. auf Twitter. Da beginnt jede zweite Nachricht mit “Wer die EU kennt…” oder “Der gelernte Österreicher weiß…“. Diese Phrasen implizieren, dass die schreibende Person offensichtlich ein Experte bzw. eine Expertin in Bezug auf die Funktionsweise der EU und/oder Österreichs ist.

Der Wahlkampf hat scheinbar also dafür gesorgt, dass Herr und Frau Österreicher zu wahren Experten wurden („Echte“ Experten will man ja heute nicht mehr sehen, weil man „wer einmal falsch lag, liegt immer falsch“ als neuen Grundsatz feiert). So weit, so gut. Bei allen Kosten und Mühen des Wahlkampfes, sollte er tatsächlich zur Expertisierung der Gesellschaft beitragen, so wäre jeder Aufwand gerechtfertigt und sogar erstrebenswert.

Gehen wir nun jedoch einen Schritt weiter und sehen uns an was nach den Öffnungsworten in den jeweiligen Kommentaren folgt, so schwindet das Vertrauen in die Expertise der Kommentatoren ziemlich rasch. Da werden Institutionen vermischt (alles was „Europa“ im Namen trägt ist EU), da werden Personen und Institutionen Befugnisse gegeben, die sie nicht haben (vor allem die EU scheint ein unglaublich mächtiges und zentralistisches Gebilde zu sein in dem Mitgliedsstaaten nichts zu sagen haben), man „gründet“ neue politische Fraktionen (SPÖ, ÖVP, Grüne und NEOS sind eigentlich alle eine Partei), es werden systemische Verschwörungen aufgedeckt (zusätzlich zu den eben genannten Parteien stecken auch noch alle Gerichtshöfe und Medien mit unter einer Decke) und so weiter und so fort (für Interessenten weiterer Beispiele: Lesen Sie einfach einmal die Kommentare unter einem beliebigen Artikel zur Bundespräsidentschaftswahl auf der Website einer beliebigen Tageszeitung).

Die Ausgangshypothese der „Expertisierung“ muss also leider verworfen werden. Die Alternativhypothese einer zusätzlichen „Verblödung“ der Gesellschaft, will ich nicht glauben. Andere Erklärungsmuster à la „Chemtrails“ fallen dann wieder eher in die Kategorie Verschwörungstheorie. Es verbleiben also nur noch zwei Möglichkeiten:

  • Entweder die Kommentatoren lügen ganz bewusst, in der Meinung damit Stimmung machen zu können und den Ausgang des Wahlkampfes zu beeinflussen, oder
  • sie glauben was sie sagen und zeigen mit fortschreitender Polarisierung im Wahlkampf ein immer weiter steigendes Selbstbewusstsein basierend auf dem Prinzip „Die anderen sind so deppert!“

In beiden Fällen wäre es ratsam, wenn sich alle Beteiligten einmal zurücklehnen würden, einmal ordentlich durchatmeten und mit ihren Emotionen herunterfahren würden um dann mit neuer Nüchternheit die Lage zu betrachten. Machen wir uns nicht klüger als wir sind und die anderen nicht dümmer als sie sind. Vermischen wir keine Fakten und lassen wir uns nicht von Verschwörungstheorien leiten. Wir haben die Wahl zwischen zwei Kandidaten und das ist auch gut so. Es gibt gute Gründe warum genau diese beiden Kandidaten in der Stichwahl sind und es gibt Gründe warum dieser Wahlkampf so lange dauert. Bewerten wir die Lage neu und ohne Verachtung und Überheblichkeit.

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